Donnerstag, 29. Juni 2017

Schlüssel-Schussel

Im Büro liegt mein Telefon neben mir auf dem Schreibtisch und summt so vor sich hin. Werde wohl doch mal nachsehen, wer so viele Wörter für mich übrig hat. 
Der Flummi ist´s. 
Sein Text beginnt mit: "Ich habe ein Problem... " 
Toll. Mein Lieblingsanfang. Ich mag schon gar nicht weiterlesen. Als in dem Text jetzt auch noch Fahrrad und Speiche vorkommt, fange ich langsam an die Krise von links nach rechts zu schieben und rufe ihn kurzerhand an.

Vielleicht sollte ich anmerken, dass Fahrrad und Parken auf dem Schulgelände schon ein Dauerstressthema zwischen uns ist. Die Räder stehen da dicht an dicht und wenn kein Platz ist, wird eben welcher gemacht. Ständig war der Reifen aus Versehen oder mutwillig geplättet oder irgendwas an dem Gefährt verbogen und verbeult. Ich hatte so die Nase voll, dass ich dem Flummi verbot, auf dem Schulgelände zu parken, was er bis heute gerne ignoriert. Und als er eines schönen oder besser nicht so schönen Tages mit seinem niegelnagelneuen Rad in die Schule fuhr und ich sein Schloss zu Hause fand, hörte ich mich laut und deutlich zu mir sagen: "Kack auf ´nen pünktlichen Arbeitsbeginn und darauf, dass es regnet! Hundertschaften von Euronen finden jetzt auf gar keinen, aber auf gar keinen Fall einen neuen Besitzer!" Ich schwang mich also ins Auto, suchte und fand das Rad unangeschlossen auf dem Schulgelände, wuchtete selbiges in mein Moppelkotz (für Nicht-Fachkreise: mein Auto) und zu Hause wieder in den Keller, wo der Drahtesel wohnt. Danach sah ich aus wie rückwärts durch die Hecke gezogen, was mir ziemlich wurscht war. Das Rad war gerettet. 

Da mein Flummi nie sein Telefon mit in die Schule nimmt, konnte ich ihn ja auch nicht vorwarnen. Andererseits brauchte er wahrscheinlich auch mal eine kleine Lektion. Gegen Mittag war es dann soweit. Er war ausreichend in Panik, um mich von einem fremden Telefon aus anzurufen und mir zu sagen, dass sein Fahrrad wohl blöderweise gestohlen wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich auch wieder einigermaßen abgeregt, flippte nur so semi aus und erklärte ihm kurz meinen morgendlichen Einsatz. 

Heute frage ich bemüht ruhig in den Hörer: " Was -zum Henker- ist jetzt schon wieder mit Deinem bescheuerten Rad?"
"Das Rad ist kaputt. Eine Speiche ist rausgebrochen."
"Wie rausgebrochen? Hast Du etwa wieder auf dem Schulhof geparkt?"
"Nein." antwortet der Nichtredner und schweigt in die Leitung.
"Was ist dann passiert?"
"Weiß ich auch nicht. Auf einmal hat da was geklappert."
"Kannst Du damit noch fahren?"
"Ja."
"Fahr erstmal nach Hause, ich komm dann auch gleich." 

Zu Hause machen wir uns zu zweit auf den Weg in den Keller, um das Disaster zu begutachten. Erfreulicherweise ist es nur halb so schlimm, wie ich dachte. Eine einsame Speiche baumelt haltlos im Speichengewirr und klimpert bei jeder Drehung des Rades lustig vor sich hin. Die Hoffnung ist also groß, dass wir es als Garantieschaden an das Fahrradgeschäft verkaufen können. 

"Nur das Geklimper muss weg." denke ich laut und erinnere mich an Blumendraht in irgendwelchen Schubladen oben in der Wohnung. Ich lasse den Flummi im Keller stehen und entschwinde kurz in Richtung der Schubladen. Dabei speichert der Autopilot in meinem Kopf das Schlüsselbund als immer noch im Schloss des Kellers steckend ab, was natürlich völliger Blödsinn ist, denn mit eben dem muss ich ja in die Behausung etwas oberhalb des Kellers. Unterwegs treffe ich noch meine Lieblingsnachbarin, mit der ich einige fröhliche Worte wechsele, stehe kurze Zeit später vor dem Blumendraht, der verkeilt in einer Schublade sein Dasein fristet, zerre ihn mit beiden! Händen heraus und lasse hinter mir die Tür ins Schloss sausen. Als ich wie ein junges -na gut, ein mittelalterliches- Fohlen die Treppe runterspringe, reißt es mich auf dem Absatz herum und fällt mir wie Schuppen ... WAS -ZUM HENKER- HATTE ICH NUR  GERADE WIEDER GETAN? Im Geiste sehe ich das Schlüsselbund einen Wiener Walzer auf der Kommode drehen und schüttle im Rhythmus den Kopf dazu. Ich lerne es nie! Nie! Nie!

Nun gut. Da ich ja immer gerne das Glas halb voll sehe: wenigstens stehe ich diesmal nicht im Schlafanzug vor der Tür.

Haare raufend und mit einem Fünkchen Hoffnung im Gepäck, eile ich zu meinem Flummi in den Keller. 
"Hast Du zufällig Deinen Schlüssel mit runtergenommen?"
Fragender Eichhörnchenblick in meine Richtung: "Nein. Warum???"
"Telefon?"
"Nein. Warum???" 
Arghhh! Nie sind die Dinger greifbar, wenn man sie braucht.
Ich zucke die Schultern, tigere auf und ab, schlage mir im Sekundentakt mit der Faust an die Stirn und erkläre kurz, dass wir erstmal obdachlos sind und der Keller jetzt unser Zuhause sein wird. Gut, dass mein Sohn so ein Langmut ist und in sich ruht. Er zuckt jetzt seinerseits die Schultern und vertraut darauf, dass ich es schon richten werde. Jetzt wird erstmal das Rad zusammengefummelt.
Während ich so fummele, rechne ich aus, was ein Schlüsseldienst kosten wird und genau aus dem Ergebnis heraus suche ich in den Windungen meines Hirns nach  Alternativen. 

Es gäbe da ja noch jemanden, genauer eine Jemandin. Das Murmelkind ist noch in der Schule und als sie mich morgens fragte, ob sie ihren Schlüssel mitnehmen müsse, sagte ich aus einer Eingebung heraus, dass es mitunter besser wäre. Wenn doch mal die restliche Familie aushäusig weilte und man hätte dringend Notdurft zu verrichten, würde sich das in den Blumenbeeten vor und hinter dem Haus nur unschön erledigen lassen. Und auch wenig geheim. Da könne es schon mal vorkommen, dass Herr Eichhorn und Frau Spatz sich den Klappstuhl auf die Wiese stellten und das Gesehene mit Pfiffen und Applaus bedächten.
"Mama! Jetzt bist Du albern! Und außerdem ... dann würde ich mir lieber in die Hose machen!" 
Gut. Wäre das also geklärt.

Der Schlüssel in ihrer Tasche könnte uns jetzt retten. Haken an der Geschichte: just in diesem Moment ist die Schule aus und ich meine mich zu erinnern, sie wollte sich nachmittags verabreden. Unser Kellerdasein könnte sich also noch hinziehen. Blöd.

Da das Rad ist wieder geräuschfrei ist, sollte es doch unbedingt mal Probe gefahren werden, finde ich. "Flummi, kannst du mal ganz, ganz schnell in die Schule zur Murmel sausen und sie abfangen, bevor sie irgendwo anders hin entschwinden kann? Wir brauchen ihren Schlüssel!"
Mein Lang- und Sanftmut in Person erstarrt und übersetzt in Zeitlupe das Gehörte ins Flummische.
"Jetzt!", herrsche ich ihn an. Dann rast er los.



Nach einer halben Stunde, die ich damit verbringe, mich in sämtlichen Spinnweben zu wälzen, die der Keller hergibt, um nach einem schon immer vermissten Irgendwas zu suchen, höre ich die zwei einträchtig und fröhlich kichernd vor dem Haus. Ich freue mich ja immer sehr, wenn die zwei nach Hause kommen. Aber heute noch ein bisschen mehr.


Foto: Ichnicht  (Sollte ich vielleicht ihm mal einen Schlüssel in den Panzer stopfen?)

Kommentare:

  1. Mein Mann ist neulich über das Dach durch die Gott-sei-Dank offen stehende Balkontür in unsere Wohnung gelangt. Wir sind bereits im Rentenalter und damit zu alt für Kinder, die aus der Schule kommen könnten ... Aber jung genug, um über Dächer zu klettern! Denn wir sind beide Schlüssel-Schussel ...

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    1. Das ist eine Option, die uns leider verwehrt ist. Denn, das Dach ist zu weit weg und würde ich die Fenster oder Balkontüren offen lassen, könnte ich ebensogut Einladungskarten im Viertel verteilen. Ich finde über Dächer klettern übrigens toll! Erst recht im Rentenalter!

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